Vagusnerv & Angststörung: Wie dein Nervensystem Angst steuert
Zusammenfassung

Wer an einer Generalisierten Angststörung leidet, steht unter ständiger Anspannung. Das Alarmsystems des Gehirns ist im Dauereinsatz und schüttet vermehrt Stresshormone wie Cortisol aus. Doch genauso wie unser Körper eine Panikattacke auslösen kann, so ist das Nervensystem, insbesondere der Vagusnerv, auch in der Lage, Angstzustände zu lindern. Dieser Artikel erklärt dir verständlich die Zusammenhänge zwischen Paranoia/Angst und einem geschädigten Vagusnerv und gibt dir wertvolle Entspannungsübungen an die Hand.

Die Biologie der Angst: Nervensystem & Neurotransmitter 

Eine zentrale Rolle bei der Steuerung von Angst spielt das Frühwarnsystem des Körpers im Gehirn: die Amygdala. Bei diesem wichtigen Teil des limbischen Systems handelt es sich um zwei mandelförmige Ansammlungen von Nervenzellkörpern, die für die Emotionsverarbeitung verantwortlich sind. Im körpereigenen Schaltkreis der Angst sendet der Thalamus im Zwischenhirn Reize an die Amygdala weiter. Diese wiederum entscheidet, ob Alarm ausgelöst werden muss. Mitunter kommt es hier zu Fehlinterpretationen, ausgelöst durch traumatische Erlebnisse oder vorliegende Erkrankungen. Es folgt ein Hilferuf ans Nervensystem, das sofort eine Reihe an Neurotransmittern und Botenstoffen aussendet, um die Gefahr abzuwenden. 

 Die Rolle des Vagusnervs bei Angstzuständen

Der lange Vagusnerv verbindet das Hirn durch den Brustkorb mit dem Bauchraum und spielt eine wichtige Rolle bei der Entspannung. Im gesunden Zustand reguliert er Herzfrequenz, Atmung, Verdauung und reguliert Stressreaktionen. Beeinträchtigungen wie funktionelle Reizungen, Lähmungen (Vagusparese) oder Verspannungen können für Betroffene weitreichende Folgen haben. 

Ursachen eines geschädigten Vagusnervs können operative Eingriffe im Halsbereich (Schilddrüsen-OP), Virusinfektionen (Gürtelrose), Tumore oder dauerhafte Fehlhaltungen sein. Ein eingeschränkt funktionstüchtiger Vagusnerv kann Angststörungen auslösen oder verschlimmern. Das liegt daran, dass er als eine Art körperliche Bremse fungiert. Ist diese dauerhaft blockiert, schlägt das Herz regelmäßig zu schnell, was der Körper als Gefahrensituation interpretieren kann. Weitere Symptome eines eingeschränkten Vagusnervs können Verdauungsbeschwerden, Herzstolpern, Schwindel und Heiserkeit sein.

Die Rolle von Stresshormonen und Neurotransmittern

Bei akuter oder chronischer Angst kommt es zu einer Überempfindlichkeit des körperlichen Stresssystems, bei dem Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol vermehrt ausgeschüttet werden. Das setzt den Körper dauerhaft in Alarmbereitschaft. Adrenalin und Noradrenalin sind bei Angst oder Panik im Einsatz, um den Körper auf Kampf oder Flucht vorzubereiten. Häufige Symptome sind Herzrasen, Muskelanspannung und flache Atmung. Der Cortisolspiegel ist bei anhaltendem Stress erhöht, was zu einer fehlenden Erholungsreaktion führen kann. Zudem hat ein gestörtes Gleichgewicht der Stresshormone direkten Einfluss auf die Botenstoffe der Synapsen: die sogenannten Neurotransmitter, wie:

  • GABA (Gamma-Aminobuttersäure): Fast die Hälfte aller Synapsen enthalten GABA Neurotransmitter. Liegt hier ein Defizit vor, kann es vermehrt zu Ängsten, innerer Unruhe, Schlafproblemen, Zwängen oder erhöhter Schmerzempfindlichkeit kommen.
  • Serotonin: Der Stoff, der für dich Regulierung der Stimmung verantwortlich ist, hat direkten Einfluss auf das emotionale Gleichgewicht. Im Umkehrschluss begünstigt ein unausgeglichener Serotoninspiegel Angsterkrankungen.
  • Glutamat: Dieser Neurotransmitter ist für das Weiterleiten von Signalen ins Angstzentrum verantwortlich. Ist er in einer zu hohen Dosis vorhanden, führt dies zu Überreaktionen und Panik.
  • Dopamin: Dieser in der Amygdala gespeicherte Stoff aktiviert das Belohnungssystem im Körper. In zu hoher Konzentration kann er jedoch Angst und Panik begünstigen. 

Das menschliche Nervensystem ist ein sensibles Geflecht aus verschiedenen Stoffen, die wechselwirkend voneinander abhängig sind. Ein Ungleichgewicht verzerrt den Filter des körpereigenen Bewertungssystems von Gefahren.

Gefahrenmodus: Der Fight-Flight-Freeze-Zustand

Bei akutem Stress, Reizüberflutung oder einer Angststörung befindet sich der Körper ständig im Überlebensmodus.  Bestimmte Strukturen im Gehirn können dich vor Furcht erstarren lassen oder im Gegenteil dafür sorgen, dass du Maßnahmen ergreifst, um der drohenden Gefahr zu entgehen. Die Rede ist vom Fight-Flight-Freeze-Zustand, dem sogenannten Kampf-Flucht-Modus. 

Kurz gesagt handelt es sich dabei um eine physische oder psychische Anpassung an eine Gefahrensituation. Dies beginnt bei der visuellen Wahrnehmung, bei der Reize sofort ans Großhirn weitergeleitet werden, das die Information verarbeitet. Schlägt dieses Alarm, bekommt der Hypothalamus ein Signal zur vermehrten Ausschüttung der Hormone Adrenalin und Cortisol. Alle übrigen Systeme wie Immunsystem und Verdauungstrakt werden heruntergefahren, um genügend Energie für den Kampf oder die Flucht zu haben. 

Allerdings wurde vor einigen Jahren noch ein dritter Zustand hinzugefügt: Freeze. Dies meint eine Art Schreckstarre, die man auch in der Tierwelt beobachten kann. Betroffene haben die Hoffnung, der Gefahr zu entkommen, wenn sie sich möglichst unauffällig verhalten und nichts tun. Anders als bei Fight-or-Flight wird der Puls heruntergefahren und das Denken sowie Schmerzempfinden kurzzeitig ausgeschaltet. In sehr traumatischen Situationen kann es vorkommen, dass sogar das Erinnerungsvermögen eingeschränkt ist.

Wenn die Angst die Wahrnehmung verändert

Menschen mit einer Generalisierten Angststörung leiden häufig unter Wahrnehmungsveränderungen. Das bedeutet, dass sie vermeintlich harmlose Dinge, wie einen bestimmten Geruch oder ein lautes Geräusch, als Gefahr interpretieren. Im Umkehrschluss kann es bei einer Angsterkrankung aber auch zu Wahrnehmungsstörungen wie Derealisation kommen.

Derealisation Symptome im Test 

Der Begriff Derealisation beschreibt ein Gefühl der Unwirklichkeit bei Angst und Panik, das häufig mit der Entfremdung der eigenen Person (Depersonalisation) auftritt. Diese Dissoziation ist ein körperlicher Schutzmechanismus, der Bewusstsein, Erinnerung, Wahrnehmung und Identität vorübergehend voneinander trennt. Wenn du zuweilen das Gefühl hast, wie durch einen Nebel zu gehen, kann dir der folgende Derealisation-Test helfen herauszufinden, ob du zu den typischen Symptomen neigst. 

  • Das Gefühl des Losgelöstseins vom eigenen Körper
  • Empfindungen von Unwirklichkeit der Umgebung
  • Traumartiger Zustand
  • Gefühl der Isolation vom Rest der Welt
  • Menschen und Objekte wirken zweidimensional
  • Größenveränderung von Dingen
  • Gedämpfte Wahrnehmung von Geräuschen
  • Verschwommene Sicht

Wenn du bei vier oder mehr Punkten ein Kreuz gesetzt hast, lohnt ein näherer Blick auf die Symptomatik. Dein:e Therapeut:in, Arzt oder Ärztin können dir helfen, die Auffälligkeiten deiner Wahrnehmung richtig einzuordnen.

Paranoia und Angst unterscheiden

Angst ist ein wichtiger Mechanismus des Körpers, der vor Gefahren schützen soll. Bleibt sie situationsbezogen, handelt es sich um das natürliche Gefühl eines jeden Menschen. Problematisch wird es erst, wenn sie sich verselbstständigt und zum Dauerbegleiter wird. Die Folge ist eine Generalisierte Angststörung

Paranoia ist eine verschärfte Form von Angstzuständen. Während sich Angst auf reale Situationen, Orte und Menschen bezieht, kommt es bei Menschen mit Paranoia zu Wahnvorstellungen. Häufig haben Betroffene das Gefühl, dass jemand im Zimmer ist, selbst wenn sie allein sind oder leiden unter Verfolgungswahn. Die Befürchtungen sind vollständig von der Realität abgekoppelt, aber für Betroffene so real, dass diese sich selbst mittels Beweise häufig nicht vom Gegenteil überzeugen lassen.

Unterstützung zur Selbsthilfe

Angsterkrankung gehören zu den häufigsten psychischen Störungen weltweit, sind aber auch am besten therapierbar. Wenn die klassische Therapie dir nicht reicht, kannst du selbst auch einiges tun, um die Symptome deiner Angststörung abzumildern. Neben der Stimulation des Vagusnervs hilft es, möglichst viel über die Erkrankung zu wissen. Die digitale Anwendung velibra steht dir kostenfrei auf ärztliches Rezept mit Informationen und alltagsnahen Bewältigungsstrategien zur Seite.

Den Vagusnerv gegen Angststörung einsetzen

Um deinen Vagusnerv zu aktivieren und gezielt zur Linderung gegen deine Angstzustände einzusetzen, helfen einfache Methoden, die du ganz einfach in deinem Alltag anwenden kannst. Die bewährteste davon sind tiefe Atemübungen zur Entspannung des Zwerchfells. Lege dich dafür gerade hin, atme tief ein, sodass sich die Bauchdecke wölbt und atme anschließend doppelt so lange und vollständig aus. Ziehe deinen Bauch bei der Ausatmung tief nach innen, um das Zwerchfell nach oben in seine optimale Position zu schieben. Diese Atemtechnik stimuliert nicht nur das Zwerchfell und den Vagusnerv, sondern hilft auch bei Angstzuständen, die andere Ursachen haben. Tiefes Atmen beruhigt nicht nur Körper, sondern auch den Geist, entschleunigt und erdet. 

Weitere erfolgreiche Methoden zur Stimulation des Vagusnervs sind kalte Duschen, tiefes Summen oder Singen, Meditation oder autogenes Training. So aktivierst du gezielt deine körpereigenen Beruhigungsmechanismen. Die Folgen: dein Herzschlag verlangsamt sich und dein Atem wird ruhiger. Die regelmäßige Vagusnervstimulation kann langfristig deine Resilienz erhöhen und dir helfen, auch in herausfordernden Situationen im emotionalen Gleichgewicht zu bleiben.

Die wichtigsten Fragen & Antworten

Angst verstehen

Derealisation ist eine Stressreaktion des Nervensystems. Das Gehirn schaltet in einen Schutzmodus, wenn die innere Alarmreaktion sehr stark ist.

Der Vagusnerv ist Teil des parasympathischen Nervensystems. Er hilft, den Körper nach Stress zu beruhigen. Bei einer Angststörung ist dieses Gleichgewicht oft gestört.

Ja. Langsames Atmen, Summen, Kälteimpulse oder Entspannungsübungen können den Vagusnerv stimulieren und Angstreaktionen dämpfen.

Das autonome Nervensystem aktiviert den Fight-Flight-Freeze-Mechanismus. Stresshormone wie Adrenalin erhöhen Puls, Atmung und Muskelspannung.

Nein. Derealisation bei Angststörungen ist eine vorübergehende Stressreaktion und unterscheidet sich klar von psychotischen Symptomen.

Quellen