Das belohnende Feierabendbier, die Zigarette mit Freunden oder eine Tablette zur Beruhigung. Was anfangs harmlos erscheint und für kurzzeitige Besserung sorgt, ist langfristig eine gefährliche Mischung. Besonders Menschen mit einer Generalisierten Angststörung neigen dazu, sich mittels Substanzen zu betäuben. Kurzfristig sorgen Koffein, Nikotin, Alkohol und Medikamente tatsächlich für eine lindernde Wirkung, doch sobald diese nachlässt, kommen die Symptome noch heftiger zurück. In diesem Artikel erfährst du mehr über die Zusammenhänge zwischen Alkohol und Angststörung und warum selbst Koffein für Angstzustände sorgen kann.
Der Panikcocktail: Alkohol bei Angststörung
Ein Glas Wein am Abend zur Entspannung, das hat sogar die Queen praktiziert. Doch es ist gerade diese vermeintlich harmlose Regelmäßigkeit eines kleinen Glases, die das Potenzial für große Probleme birgt. Die Rede ist nicht nur von einer drohenden Alkoholsucht: Menschen mit einer Angststörung leiden häufig nach dem Genuss von Alkohol unter heftigeren Symptomen.
Hangxiety: Nach Alkohol folgen Angstzustände
Ständige innere Anspannung und Nervosität machen vielen Patient:innen einer Generalisierten Angststörung zu schaffen. Nicht wenige versuchen, mittels Alkoholes ihrer Angstzustände Herr zu werden. Neben den bekannten gesundheitlichen Risiken für die Leber, kommt es nicht selten zu vermehrten Angstzuständen nach dem Genuss.
Hangxiety ist das neumodische Wort aus dem englischen Begriff „Hangover“ (Kater) und „Anxiety“ (Angst). Es beschreibt den empfindlichen Gemütszustand, der einige Stunden nach Alkoholgenuss eintritt. Dabei handelt es sich um eine Art Kater mit Rebound Effekt. Zunächst dämpft Alkohol das zentrale Nervensystem, weshalb es zu Entspannung und Glücksgefühlen kommt. Doch sobald die Wirkung nachlässt, versucht das Gehirn, das Ungleichgewicht wieder in Balance zu bringen. Schlafprobleme, emotionaler Stress, Abgeschlagenheit und Angstzustände sind die Folgen. Letztere erreichen innerhalb von 48 und 72 Stunden ihren Höhepunkt. Allerdings können Angstzustände nach Alkoholentzug zwei bis fünf Tage andauern.
Alkoholabhängige Menschen kennen die Symptome. Besonders während eines Alkoholentzuges kommt es vermehrt zu Angstzuständen. Wurde Alkohol als „Medikament“ gegen die Angst eingesetzt, macht es die Sache noch komplizierter. Durch die kurzzeitige Linderung der Symptome nach Alkoholgenuss entsteht im Gehirn eine Art Belohnungsmechanismus. Sobald die Wirkung nachlässt und die Ängste umso stärker einsetzen, wird sofort „nachgetankt“. Ein Teufelskreislauf, der nur mittels professioneller Therapeut:innen und Entzugsklinik durchbrochen werden kann.
Kann Alkohol Panikattacken auslösen?
Ja, Alkoholkonsum kann Panikattacken auslösen. Allerdings meist nicht sofort. Zunächst sorgt Alkoholgenuss häufig für Entspannung und eine Art Hochgefühl, weshalb es für Menschen mit einer Angststörung so tückisch ist. Die Angstzustände folgen am Morgen danach oder einige Stunden nach dem Verzehr.
Angstzustände durch Kaffee: Wachmacher als heimliche Unruhestifter
Egal, ob Energy Drinks oder eine Tasse Kaffee – Koffein ist DIE Droge der Neuzeit. Die gesellige, harmlose Kaffeepause mit den Kollegen soll Schwung für den Arbeitstag bringen. Für Menschen mit einer Angststörung bedeutet die nächste Tasse Kaffee jedoch auch den nächsten Schubs Richtung Panikattacke.
Koffein fördert Angstzustände, daher ist Kaffee bei einer Panikstörung eine denkbar schlechte Alternative. Doch woran liegt das? Menschen mit einer Generalisierten Angststörung oder Panikstörung kennen Panikattacken nach Stress zur Genüge. Bei Koffeinkonsum passiert im Körper exakt dasselbe wie in einer Stresssituation: er schüttet vermehrt die Hormone Cortisol und Adrenalin aus.
Auch eine bestehende Koffeinunverträglichkeit kann körperliche Symptome wie Herzrasen, Zittern, Schweißausbrüche oder Magenprobleme auslösen. Hierbei handelt es sich allerdings um rein körperliche Symptome, die lediglich Panik bei Menschen mit Angststörung triggern können. Gesunden Menschen macht eine Tasse Kaffee am Morgen nichts aus und kann sogar die Konzentration fördern. Stehst du allerdings ohnehin unter Strom oder leidest sogar regelmäßig an Panikattacken, solltest du die Finger vom Kaffee lassen, auch wenn es schwerfällt.
Nikotin als Trigger der Angst
Studien belegen: Raucher bekommen mehr als zweimal so häufig Panikattacken wie Menschen, die auf Zigaretten verzichten. Nikotin ist nicht nur ein schleichendes Gift für den Körper, sondern sorgt zudem für starke innerer Unruhe, die nur bedingt etwas mit der Sucht zu tun hat. Bei jeder Zigarette, die du rauchst, dockt das darin enthaltene Nikotin an bestimmten Stellen im Gehirn an und stört die Kommunikation der Zellen. Zwar aktiviert Rauchen kurzfristig das Belohnungszentrum, gleichzeitig versetzt es den Körper in eine extreme Stresssituation. Während der Alarm in der Amygdala (dem Angstzentrum des Gehirns) immer lauter wird, verstummt die beruhigende Stimme der Vernunft. Dies ist einer der Gründe, warum viele Raucher aggressiv wirken. Eine diagnostizierte Angststörung ist also kein Hindernis, mit dem Rauchen aufzuhören, sondern der beste Grund, es zu tun.
Gut zu wissen: sowohl das Rauchen selbst wie auch der Entzug können Panikattacken auslösen. Während diese plötzlichen Angstattacken nach dem Rauchen sofort einsetzen, kommen sie beim Nikotinentzug erst 12 bis 24 Stunden nach der letzten Zigarette. Diese Art der Panikattacken können heftiger ausfallen, weil der Körper nach der gewohnten Dosis schreit. Menschen mit einer Angststörung leiden heftiger und häufiger an dieser Art der Entzugsangst, weshalb eine Entwöhnung schwieriger, aber umso wichtiger ist.
Medikamente im Check
Antidepressiva sind heutzutage eine gängige Medikation von Angsterkrankungen. Wirkungsvolle Medikamente gegen Angst, die nicht abhängig machen sind sogenannte selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Sie werden zur Behandlung von Angsterkrankungen eingesetzt, um die Häufigkeit und Schwere der Symptome zu mildern. Allerdings ist ihre Wirkung (je nach Ursache der Angststörung umstritten und es treten mitunter Nebenwirkungen auf, wie:
- innere Unruhe und Nervosität
- Schwindel und Kopfschmerzen
- Ein- und Durchschlafstörungen oder Müdigkeit
- Gewichtsschwankungen
- Sexuelle Funktionsstörungen
Selten, aber ernst zu nehmen ist der erhöhte Hang zu suizidalen Gedanken oder Handlungen, besonders zu Beginn der Medikation, bei jungen Erwachsenen.
Unerwartete Nebenwirkungen
Sollte dein Arzt oder deine Ärztin dir aufgrund einer Angststörung SSRI oder SNRI verschreiben wollen, solltest du ihn oder sie unbedingt über alle Medikamente aufklären, die du einnimmst, selbst wenn es nur gelegentliche Kopfschmerzmittel sind, die dir harmlos erscheinen. Gerade Schmerzmitteln wie Ibuprofen oder Naproxen können zusammen mit der Einnahme von SSRI lebensgefährliche Magen-Darm-Blutungen hervorrufen.
Viele Menschen mit Autoimmunerkrankungen, wie Rheuma, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen oder Multiple Sklerose sind auf Cortison angewiesen, das Angstzustände, innere Unruhe und Panikattacken auslösen kann. Da es eng mit dem körpereigenen Stresshormon Cortisol verwandt ist, greift es direkt in das zentrale Nervensystem ein und versetzt es in einen dauerhaften Alarmzustand. Falls du Verdacht hast, dass Cortison deine Angstzustände auslöst oder verstärkt, lohnt ein Gespräch mit deinem Arzt oder deiner Ärztin.
Die Gefahren der Selbstmedikation
Selbstmedikation ist ein nicht zu unterschätzendes Risiko, besonders bei psychischen Erkrankungen. Weder Nikotin, Alkohol noch vermeintlich harmlose Substanzen wie Kaffee bilden einen Ersatz zur professionellen, therapeutischen Begleitung. Manche Menschen mit Angststörung greifen sogar zu Opioiden wie Morphin, die dafür bekannt sind, akute Angst zu dämpfen. Doch genau wie bei Alkohol, Nikotin und anderen Drogen lässt der Rebound Effekt nicht lange auf sich warten: Angstzustände und Panikattacken kehren mit doppelter Heftigkeit zurück. Aus diesem Grund haben Opioide keine medizinische Zulassung zur Behandlung von Angsterkrankung.
Viele Betroffene schämen sich wegen etwas so vermeintlich harmlosen wie Angstgefühlen ärztlichen Rat einzuholen oder wollen sich ihre Angst nicht eingestehen. Eine Generalisierte Angststörung ist eine anerkannte Erkrankung und betrifft satte fünf Prozent der Weltbevölkerung. Du bist also nicht allein und hast ein Recht auf professionelle Unterstützung. Medikamente können dabei eine gute Wahl neben der Therapie sein, allerdings nur in Absprache mit deinem Arzt oder deiner Ärztin.
Weg von den Substanzen, hin zu mehr Freiheit
Die Wahrheit ist: egal, ob Kaffee, Medikamente, Alkohol oder Nikotin – alles, was du einnimmst, um die Angststörung zu unterdrücken, macht dich ein Stück abhängiger. Für den Weg in die Freiheit ist die therapeutische Begleitung der beste und langfristig erfolgversprechendste Weg. Bis du dich zum Gang zur Therapie überwinden kannst oder einen geeigneten Platz gefunden hast, kannst du dich via velibra kostenfrei über deine Angsterkrankung informieren und wertvolle Bewältigungsstrategien für deinen Alltag erlernen.
Das digitale Therapieprogramm velibra ist spezialisiert auf diverse Angststörungen. Du kannst es dir von deinem Arzt oder deiner Ärztin verschreiben lassen. Sobald du das Rezept bei deiner Krankenkasse eingereicht hast, erhältst du einen Freischaltcode und kannst in deinem Tempo von zu Hause aus beginnen. Der erste Schritt zurück in die Freiheit ist getan.